Bericht, Medien (Print/Digital)
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Printmedien und die digitale Welt

Kürzlich hat die Wemf AG die aktuellen Zahlen der nationalen Leserschaftsstudie MACH Basic 2016-1 publiziert. Die Zahlen umfassen die Reichweiten und Nutzerstrukturen von Pressetiteln.

Die auflagenstarksten Tageszeitungen sind weiterhin teilweise stark rückläufig, auch bei der Sonntagspresse ist die Leserschaft am schwinden. Regionale Zeitungen konnten bei der Leserschaft positiv zulegen.

Informiert man sich direkt bei den grossen Verlagshäusern, so fühlen sich dennoch alle irgendwie als Gewinner. Zu lesen ist, «… wächst im Lesermarkt» oder «… gewinnt neue Kundengruppen». Aus unerfreulichen Zahlen werden positive (Teil)-Ergebnisse hervorgehoben, wie das nachfolgende Beispiel zeigt.

NZZ am Sonntag

Gemäss Mach Basic Studien sind die Zahlen der NZZ am Sonntag wie folgt:

Mach Basic Studie Leserzahl
2016-1 408’000
2015-2 417’000
2015-1 421’000

Meines Erachtens ist ja der Rückgang (noch) nicht so erheblich, dennoch vermeidet die NZZ eine Kommentierung. Stattdessen schreibt die NZZ in einer Überschrift (Quelle: NZZ Geschäftsbericht 2015), «NZZ am Sonntag baut Marktführerschaft aus». Wie bitte? Die Leserzahl ist rückläufig und im Vergleich zu allen Titeln der Sonntgspresse belegt die NZZaS Platz vier. Beim genauen Weiterlesen entnehme ich dann der NZZ: «NZZ am Sonntag die beliebteste Publikation der Schweizer Führungskräfte».

Nun gut, Zahlen- und Wortspielereien gehören zum Handwerk aller Medienleute, ob Verlagshäuser, Banken, Verwaltung und Politik. An und für sich ist das obige Beispiel auch nicht der Inhalt dieses Beitrags, vielmehr geht es mir im Kleinen aufzuzeigen, die Ohnmacht beziehungsweise Umgang der Verlagshäuser mit der Digitalisierung insgesamt.

Printmedien – Verlierer der Digitalisierung

Die teilweise massiven Leserverluste der Tagespresse sind nicht ausschliesslich auf das digitale Newsangebot zurückzuführen. Bereits in den 1990er Jahren sind Rückgänge der Reichweite der Leserzahlen zu beobachten.

Die Verlagshäuser haben mit diversen Massnahmen versucht die Leserverluste einzudämmen und mit Zukäufen und dem Angebot von digitalen Kanälen zumindest ihre Betriebsergebnisse stabil zu halten.

Aus meiner Sicht ist das Kernthema, den «Verlust von zahlenden Leser» einzugrenzen noch keinem grossen Verlagshaus gelungen.

Bevölkerungszuwachs durch Zuwanderung

Betrachtet man noch die starke Zuwanderung mit der Entwicklung der Bevölkerungszahl, so konnten die Printmedien nicht mal davon profitieren. Würde man den Zuwachs (Potential) mitberücksichtigen, so wäre der Verlust signifikant höher.

Leserverluste – Ursachen

Aus Sicht der Verlagshäuser sind die Gründe – so lese ich es immer und immer wieder:

  • Markteintritt von Gratiszeitungen
  • digitales Newsangebot

Meine Wahrnehmung teilt nicht ausschliesslich nur die Meinung der Verlagshäuser. Vielmehr sind die folgenden Einflüsse ebenfalls mitzuberücksichtigen

  • sozialer Wandel – die Gesellschaft mit ihren veränderten Werten
  • Informationsinflation – immer, alles und überall
  • Verlust der redaktionellen Unabhängigkeit – Kostendruck, Abhängigkeiten zu Inserategebern
  • Einbusse des Qualitätsjournalismus zu gunsten eingekauften Nachrichtenkonserven

Fazit

Die Verlagshäuser haben zwar mit vielseitigen Angeboten, Zukäufen und Massnahmen reagiert, überdecken jedoch auch weiterhin das Hauptproblem. Nämlich für guten Journalismus die zahlende Leserschaft zu halten oder sogar wieder auszubauen.

Stattdessen haben die grossen Verlagshäuser eher das Gegenteil bewirkt. Mit kurzfristigen Zukäufen, Gratisangeboten und dem Abbau von bewährten/kritischen Journalisten werden die Leser auch weiterhin rückläufig sein.

Warum soll ich ein Abonnement abschliessen, wenn die Zeitung insgesamt aus eingekauften Textkonserven besteht oder gar die Wirtschaft den redaktionellen Inhalt vorgibt – so wie die neusten Diskussionen diese Tatsache sogar bestätigen.

Die Zukunft

Wie im Abschnitt «Fazit» beschreiben, gehören die grossen Verlagshäuser mit ihrem Kerngeschäft auch künftig zu den Verlierern der Digitalisierung. Klar, die finanziellen Zahlen sprechen zwar eine andere Sprache, doch der Bezahl-Journalismus (das Kerngeschäft) bleibt auf der Strecke. Wollen die Verlagshäuser das wirklich?

Möglichkeiten – Stopp Rücklauf der Leserschaft

Die Ursachen und Gründe als Chance sehen, statt sich dagegen stemmen. Mittelgrosse und kleinere Verlagshäuser haben sich mit dem Auseinandersetzen des Wandels längst in guten Marktnischen positioniert.

Unabhängige journalistische Arbeit darf und muss sogar was kosten. Zahlende Leser sind nach wie vor ein grosses Potential, sofern

  • Qualität vor Quantität geht
  • Unabhängigkeit gewahrt bleibt statt redaktionell fremdbestimmt sein

Das digitale Angebot ist flexibel zu gestalten:

  • Unterscheidung Onlineartikel und Printartikel aufheben
  • redaktionell erarbeitete Berichte einzeln bereitstellen und gegen Entgelt freischalten
  • alle Artikel aus der Printausgabe im Internet publizieren und kostenpflichtig als Abruf bereithalten
  • Kostenpflichtige Berichte einzeln erheben/abrechnen, statt ein starres Gesamtabonnement
  • Einfaches Zahlsystem, mit wenigen Klicks einen Artikel bezahlen
  • Transparente Kennzeichnung von Textkonserven und Pressemitteilungen – meines Erachtens sind das die mehrheitlich bereitgestellten Onlineartikel

 

2 Kommentare

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  2. Anmerkung: wenn Sie Marktforschungs Ergebnisse verschiedener Jahre vergleichen wollen, reicht es nicht, diese nebeneinanderzulegen. Denn die Leserschaftszahlen sind Hochrechnungen der Befragung eines Teils der Bevölkerung. Wie Sie sich denken können, unterliegen diese einer statistischen Unschärfe. Um herauszufinden, ob die Leserzahlen mehrer Jahre sich statistisch signifikant und nicht zufällig unterscheiden, empfiehlt sich der t-Test. Wenn Sie diesen anwenden, werden sie feststellen, dass alle von Ihnen aufgeführten Abweichungen nicht signifikant sind und durch die Unschärfe der Hochrechung zu erklären sind.

    Die wirtschaftlichen Probleme der Verlage beruhen nicht auf den vermeintlichen fehlenden Lesern, sondern an den wegbrechenden Anzeigenerlösen, welche grösstenteils ins „Google“ Universum abgewandert sind. Ob sich der „teure“ Qualitäts-Journalismus nur über Abogebühren finanzieren lässt? Die Abonnenten werden kaum Freude daran haben, wenn die Preise plötzlich 3x so hoch werden wie früher….

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