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Digitalisierung – Totengräber des Fachhandel

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«Droht durch die rasante Ausbreitung des Online-Handels eine weitere Verarmung der Städte?», fragt beispielsweise die NZZ in ihrem Artikel vom 30. Mai 2017.

Die Grossverteiler wiederum machen Einkaufstourismus und den Markteintritt von Aldi und Lidl für das «Lädelisterben» und somit für den Wegfall der Vielfalt an Fachgeschäften in Städten und Dörfern verantwortlich.

Ist der Onlinehandel, der Einkaufstourismus und das Verhalten von Aldi und Lidl für die (Konsumenten-)Entvölkerung in den Städten und Dörfern verantwortlich?

Je nach Eigeninteressen oder einem nicht vorhanden Fehlereingeständnis sind die Gründe für den Niedergang schnell gefunden und werden medial zweckbestimmend weiterverbreitet. Im Besonderen die Grossverteiler nutzen ihre Marktdominanz und tragen dank enormen Werbebudgets ihre (Eigen-)Interessen über die Medien in die Wohnzimmer von Schweizer Konsumenten.

Digitalisierung – Totengräber des Fachhandels? Ein Dreiteiler – meine persönlichen Beobachtungen und Eindrücke zum Detailhandel Schweiz:

  • 1. Teil: Dörfer und Städte sind entleert – die Rolle von Migros und Coop
  • 2. Teil: Globalisierung verändert Lebensgewohnheiten, Gewerbeverbände schauen in erster Linie zu sich selbst
  • 3. Teil: Gesellschaftlich pulsierende Dörfer und Städte Ideen zur Nachhaltigkeit statt nur mögliche Szenarien

Der Onlinehandel bestätigt, was längst Gegenwart ist

Der Niedergang der Vielfalt an (Fach-)Detailisten hat in den 80-er Jahren eingesetzt und sich kontinuierlich über viele Jahre fortgesetzt. «Lädelisterben», die Folge einer Marktdominanz von Migros und Coop.

Begonnen hat das «Lädelisterben» mit Geschäftsaufgaben von kleinen und mittleren Lebensmittelläden, dann Übernahmen und zugleich Wegfall von Warenhäusern wie EPA und ABM (besonders in mittelgrossen Städten) und seit Beginn der Nullerjahre betrifft es nun auch Fachgeschäfte.

Marktdominanz, Globalisierung, Fehleinschätzungen der Gewerbeverbände und veränderte Lebensgewohnheiten sind wesentliche Gründe, in der Vergangenheit und Gegenwart.

Der Onlinehandel hat den bereits vorhandenen Wandel bestätigt. Veränderungen ermöglichen auch Chancen, Innenbereiche von Gemeinden und Städten neu zu gestalten.

I. Marktdominanz Migros und Coop

Masken sind Gesichter, die nicht lügen, so ein Zitat von Manfred Hinrich (1926 – 2015).  Die Grossverteiler Migros und Coop beherrschen perfekt das Wechselspiel; je nach Interessensziel, online wie stationär.

Migros und Coop – «Lädelisterben»

Der Strukturwandel wurde in den 80er Jahren eingeleitet. Im Geschehen mittendrin – Migros und Coop.

Horizontale Marktkonzentration

Migros und Coop Filialen in Städten und Dörfern. Ausbau des Filialangebots ohne Ende. Für zahlreiche Dorfmetzger, Dorfbäckereien, Gemüseläden etc. war die Marktpräsenz einschneidend mit Konsequenz von Geschäftsaufgaben. Übrig blieben nur wenige.

Fachmärkte von Migros und Coop setzten dem lokalen Gewerbe weiter zu: Sport, Elektronik, Blumen-/Garten, Baumarkt, Möbel, Benzin-/Heizöl und Gastronomie.

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Coop im Überblick. © coop.ch – Zugriff: 08.01.2018

Mit Frischmärkten wie Fleisch, Käse, Milchprodukte, Obst und Gemüse hat die horizontale Marktkonzentration weiter seine Fortsetzung gefunden.

Mit der Ausweitung des Bio-Sortiments stehen nun weitere Fachdetailisten vor dem Aus.

Ganz neu setzt beispielsweise Migros auf Velofachgeschäfte mit integrierter Werkstatt. Besonders im Zürcher Oberland sind unabhängige Velofachgeschäfte stark präsent. Von der Migros nun stark bedrängt.

Vertikale Marktkonzentration

Migros und Coop begüngen sich längst nicht nur mit der horizontalen Marktkonzentration: Lokale und regionale KMU wurden nun auch durch die vertikale Marktkonzentration bedrängt. Das heisst, die Herstellung von Produkten werden gleich selbst gemacht: Broterzeugnisse, Fleischverarbeitung, Getränkeherstellung, Milcherzeugnisse etc. seinen als Beispiele erwähnt.

«Coop eröffnet gewaltige Grossbäckerei in Schafisheim», so die Handelszeitung vom 23. Juni 2016. Wer nun meint, das betrifft Einschränkungen und Schliessungen ausschliesslich für das Aargauer Gewerbe, der täuscht sich. In der Grossbäckerei werden Erzeugnisse hergestellt für die Gesamtschweiz. Also auch eine Bäckerei in der Bündner Surselva könnte das durchaus Auswirkungen haben.

Migros und Coop – Onlinehandel

Für Coop und Migros ist der Onlinehandel kein Verursacher des strukturellen Wandels, so wie die Medien doch stets immer wieder schreiben. Was an und für sich auch meine Einschätzung ist. Doch, Migros und Coop sind aus einem anderen Grund zu diesem Thema zurückhaltend: Die beiden Grossverteiler verdienen kräftig mit dem Online-Handel.

Einerseits werden Abwanderungen aus dem stationären Handel durch die eigenen Onlinekanäle kompensiert. Anderseits wird mit geballter Finanzkraft mit Zukäufen kräftig investiert in den zuvor lange verschlafenen Online-Handel.

Nicht nur Marktdominanz von Migros und Coop im stationären Handel, nun auch im Online-Handel. Kleine und mittlere Retailer haben kaum bis keine (Online-)Chancen.

Würden Migros und Coop zum Verlierer im Online-Handel gehören, wäre wohl E-Commerce das Übel aller Dinge.

Migros und Coop – Einkaufstourismus, Aldi & Lidl

Geht es selbst um Umsatzeinbussen ohne Einflussmöglichkeiten zu haben, so rollt die mediale Pressearbeit an. Ebenso wird die Lobby-Arbeit intensiviert.

Aldi und Lidl, ein Ärgernis

So der ehemalige Migros-Chef Herbert Bolliger zum «Lädeli-Sterben» – Interview Schweiz am Wochenende vom 9./10. Dezember 2017:

«Vor zehn Jahren habe ich Gemeinden erlebt, die Blechhallen mit Parkplätzen vor dem Dorf bewilligten, und sich jetzt darüber wundern, dass sich das Dorf entleert und plötzlich der Metzger und der Bäcker dichtmachen. Die Gemeindepolitiker müssen sich schon selber an der Nase nehmen».

Wie widersprüchlich die Argumentation der Migros ist, zeigt

  • das stark ausgebaute Filialnetz an Tankestellen-Shops – Retail-Verkaufsstellen auf grünen Wiesen und an Randlagen hochgezogen.
  • Ebenso die Monopolstellung von Coop und Migros mit ihren Angeboten an Shops in/bei Schweizer Bahnhöfen.
  • Neu- und Umbauten von Supermärkten in Gemeinden. Beispielsweise Umbau Migros Gossau/ZH: «Dabei verdoppelte sich die Verkaufsfläche auf 1’500 Quadratmeter», zu lesen auf migros.ch

Einkaufstourismus

Möchte Herr und Frau Schweizer von den attraktiven Preisen und dem günstigen Wechselkurs EUR/CHF profitieren, so ist dies Migros und Coop ein Dorn im Auge.

«Steuerfreie Einkaufstouren nach Deutschland sollen in Zukunft nicht mehr möglich sein. Migros, Coop und Manor setzen sich für «Fairness bei der Mehrwertsteuer» ein».

Selbst jedoch, «Wasser predigen, Wein trinken»: Die Geschichte um die Migros mit den Druckerzeugnissen mit Auftragsvergabe nach Deutschland ist bekannt. Es gibt bestimmt zahlreiche andere Beispiele, wenn Migros und Coop die Masken ablegen und ihre wirtschaftlichen Eigeninteressen verfolgen. Ein Muster gefällig ohne Insider-Kenntnissen? Einmal Google reicht oder beispielsweise auf: Coop.ch/Impressum –  Webseiten-Konzeption- und Gestaltung durch ein deutsches Medienhaus mit Niederlassung in der Schweiz.

Dörfer und mittlere Städte sind entleert

Die Vielfalt von Einkaufsmöglichkeiten prägen zweifellos einen lebhaften Innenbereich von Dörfern und Städten. Wer heute jedoch im Mittelland durch Dörfer und mittelgrosse Städte geht, sieht deutlich die Strukturprobleme.

Monokulturen Migros und Coop

Ja, lieber Herbert Bolliger, die Dörfer und Städte sind mit Ausnahme des Verkehrs entleert. Nicht jedoch ausschliesslich wie von Migros und Coop gerne wiedergegeben durch Aldi, Lidl und dem Einkaufstourismus. Vielmehr hat die unerschöpfliche Marktkonzentration von Migros und Coop auch massgeblich zur Entleerung geführt – dies in vielerlei Hinsicht:

  • Nichtvorhandensein der Vielfalt des Detailhandels.
  • Einheitsgeschäfte aus den Migros- und Coop-Konzernen wie M-Electronics, Exlibris, Interdiscount, Christ, Import Parfumerien etc.
  • Ausbau Tankstellen-Shops.
  • Doppelvertretung grossformatiger Coop und Migros-Verkaufsmärkten, selbst in kleineren Gemeinden.

Was bleibt ist der enorme Individualverkehr in Gemeinden und Städten. Unter anderem mitverursacht durch die grossformatigen Märkten von Migros und Coop.

Neu denken, um Innenbereiche von Gemeinden und Städten positiv zu erhalten. Hierzu dann mehr im dritten Teil: Gesellschaftlich pulsierende Dörfer und Städte – Ideen zur Nachhaltigkeit statt nur mögliche Szenarien.

Einkaufsverhalten

In Gesprächen höre ich, zumindest Migros und Coop sorgen im Innenbereich von Dörfern und Gemeinden noch für etwas Leben. Ja, antworte ich, Lärm, Gestank und Unfallgefahren.

Meine Beobachtungen decken sich mit den Analysen der CS, Retail Outlook 2018:

  • Rund die Hälfte der Einkäufe werden mit dem Auto getätigt. Der Anteil auf dem Land ist mit 71% besonders hoch.
  • 79% der «Single Purpose Trip» tätigen ihren Einkauf mit dem Besuch eines Standorts.

Mit «Besuch eines Standorts» ist wohl mehrheitlich Migros und Coop gemeint. Das lokale Gewerbe profitiert davon kaum.

Aussterbende Vielfalt

Die bevorstehende No-Billag-Initiative ist zurzeit das dominierende Thema. Die breite Öffentlichkeit und die Gegner der Initiative argumentieren unter anderem mit dem Wegfall der (Medien-)Vielfalt.

Und die Vielfalt im stationären, lokalen und regionalen Handel und Gewerbe? Verdienen die Bäckereien und Metzgereien, Sport- und Elektronikfachgeschäfte, Gastronomen etc. nicht auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit? Fehlanzeige. Heimatschutz Migros und Coop.

Natürlich sind Migros und Coop nicht ausschliesslich alleine verantwortlich für den Strukturwandel. Lesen Sie mehr im nächsten Teil, «Globalisierung verändert Lebensgewohnheiten, Gewerbeverbände schauen in erster Linie zu sich selbst».

2 Kommentare

  1. michael wolf sagt

    Ausgezeichneter Beitrag, Danke. Die einzigen, die die Moloche einschränken könnten, sind die Aldi und Lidl, sicher nicht unsere Politiker. Nur der Markt kann diese wachstumstollen Genossenschaften – wahre Todessterne im Kapitalimus – wieder bändigen.

  2. Wenn man die Ladenöffnungszeiten endlich mal freigeben würde, d.h. einkaufen auch am Wochenende und Sonntag möglich (sofern das Personal zusätzlich vergütet wird und maximale Wochenarbeitszeiten eingehalten werden) dann würde ich vielleicht auch wieder mehr in die Stadt zum Einkaufen gehen. So kaufe ich halt alles Online, weil ich am Samstag keine Zeit hab alles zu erledigen und unter der Woche arbeiten muss…

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